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Ironman Germany 2011

Aus der Sicht eines Triathleten

Klaus ScheerDer einheimische Klaus Scheer hat am 10ten Ironman Germany 2011 in Frankfurt teilgenommen. In seiner Altersklasse M 40-44 (591 gemeldete Starter) belegte er in der Gesamtzeit von 12:39:26 (01:16:06 | 06:15:19 | 04:47:51) einen guten 383. Platz. Ein paar Tage vor der Veranstaltung hatte ich die Gelegenheit mit ihm zu sprechen.
E.G.: Dein Ziel für den Ironman Frankfurt 2011?
K.S.: In 2001 startete ich beim ersten Ironman Germany in Frankfurt. Ich freue mich einfach darauf, beim 10-jährigen Jubiläum dabei sein zu können. Mein Ziel ist es, den abschließenden Marathon mit einem Lächeln durchzulaufen. Aufgrund sehr hoher privater und beruflicher Verpflichtungen ist die Hawaii-Quali heuer kein Thema. Muss ich doch einen Wunsch äußern, würde ich sagen, ich möchte den Marathon gerne sub4 laufen, d.h. unter vier Stunden.
E.G.: Seit wann läuft die Vorbereitung für diesen Wettkampf und wie schätzt du deinen momentanen Vorbereitungsstand ein?
K.S.: Ich habe in meinen ganzen Triathlon-Jahren noch nie so wenig trainiert wie 2011. Seit dem 01. Januar kam ich nur auf 19.3 km Schwimmen, 1140 km Rad und 467 km Laufen. Für den Ironman eigentlich viel zu wenig!!! Zu viele private und berufliche Verpflichtungen ließen leider nicht mehr Training zu. Meinen aktuellen Trainingsstand schätze ich aber aufgrund meiner Erfahrung als solide und machbar ein.
Vielleicht noch etwas zu einem "normalen" Trainingsaufwand für einen Ironman, das Schwimmtraining liegt bei ca. 100 km, das Radtraining bei ca. 3500-4500km und das Lauftraining liegt bei rund 1200 km. Das alles qualitativ hochwertig und Du finishst mit einer sehr guten Zeit.
E.G.: Deine Bestzeit?
K.S.: Meine Bestzeit im Ironman-Triathlon liegt bei 10:55:44. Erzielt beim Ironman Frankfurt.
E.G.: Was wünscht man sich vor der Veranstaltung, während und nach dem Zieleinlauf?
K.S.: Der größte Wunsch vor der Veranstaltung ist eindeutig, nach all den Entbehrungen durch das aufwendige Training gesund an den Start zu gehen. Für mich persönlich, aber das ist so etwas von individuell, hoffe ich noch auf richtig heiße Temperaturen. Die können gerne um die 30 Grad und mehr sein.
Während der Veranstaltung wünsche ich mir, speziell beim Radfahren, keine technischen Defekte. Darüber hinaus einfach nur gute Beine. Ach ja, keine Magenunverträglichkeiten...
Das letzte Kontrollband beim Marathonlauf gibt es bei Kilometer 39, danach geht es sozusagen nach Hause. Ab diesem Moment ist es eigentlich schon schade, dass der Wettkampf in 3 km vorbei ist. Die letzten 3 km sind trotz der ganzen Anstrengungen, welche man zuvor hatte, viel zu kurz, denn man lächelt eigentlich nur noch. Der Zieleinlauf auf dem Römer ist der Knaller. Durch nichts zu toppen. Ich persönlich gehe die letzten ca. 150 m. Denn diese sind mit die schönsten des ganzen Tages - und die sind leider viel zu schnell vorbei!
Verstehen kann ich manch andere Athleten nicht, die wegen ein paar Sekunden weniger, hier noch einmal wie die Verrückten sprinten...
E.G.: Ab wann bewegt sich der Körper weit ab vom Geist?
K.S.: Beim Schwimmen ist man noch hochkonzentriert, überzieht man nicht, hält man sich von den Tumulten im Wasser fern. Beim Radfahren ist man schon mehr auf sich gestellt. Hier gilt es wieder, sich konsequent an seine eigene Marschrichtung zu halten und nicht bei den anderen mitzufahren. Beim Laufen kommt es dann darauf an. War ich bei den anderen beiden Disziplinen konsequent genug? Selbst wenn ich das war, ab Kilometer 25 geht es ans Eingemachte. Und ab Kilometer 30-32 bewegt Dich eigentlich nur noch dein Geist nach vorne. Der Körper hat sich zu diesem Zeitpunkt ergeben. Was jetzt zählt ist der sprichwörtliche eiserne Wille. Du bist eigentlich fertig, kannst nicht mehr und möchtest stehen bleiben. Umso härter das alles, umso schneller Du unterwegs gewesen bist. Diejenigen, die ab jetzt durchziehen, besiegen sich und andere. Und erzielen eine gute Zeit. Wo auch immer die an dem heutigen Tag liegen mag - das kann bei 10 Stunden sein, aber auch bei 12 Stunden 10 min oder auch bei 14 Stunden 43 min.
Ich würde sagen, ab Kilometer 25 bis 30 beim abschließenden Marathon bewegt dich nur noch dein Wille nach vorne, Richtung Finishline.
E.G.: Wie stark pusht man sich auf bei der Fahrt durch seinen Heimatort?
K.S.: Allein der Gedanke an die kommende "Durchfahrt" ist schon mobilisierend und umso näher man kommt desto einfacher fällt einem das Fahren. Spätestens wenn man Bruchenbrücken sieht, fällt einem die kräfteraubende Fahrt nicht mehr auf und man freut sich nur noch auf die Durchfahrt. Es ist absolut pushend und gibt einem noch einmal Kraft. Noch mehr zum Tragen kommt es dann in der zweiten Runde, wenn es auch beim Radfahren ans Eingemachte geht!
E.G.: Beschreibe einmal deinen Zustand und dein Empfinden kurz nach dem Zieleinlauf!
K.S.: Beim abschließenden Marathon kommt man ab Kilometer 15 in einen Bereich, in dem nur noch wenig geht. Ab diesem Zeitpunkt gibt es zur äußerlichen Kraftanstrengung, welche für jeden ersichtlich ist, eine innere Auseinandersetzung. Der Körper wird immer müder, der Wille - wenn man es wirklich will - möchte weiter. Hier fragst Du dich bis Kilometer 30 was das Ganze soll. Hier helfen nur positive Gedanken. Ab Kilometer 30 geht, je nach gewähltem Tempo (2300 Starter, also 2300 mal individuell), aus körperlicher Sicht wenig bis nichts mehr. Ab hier entscheidet nur noch der Wille, der Geist, ob Du finishst oder nicht. Das geht bis Kilometer 39. Beim Ironman Germany bist Du dann auf Sachsenhäuser Seite an der Gerbermühle und Du bekommst dein letztes Kontrollband. Ab dort ist bei mir die Last auf meinen Schultern weg, einfach weg. Jetzt geht es nach Hause. Diese letzten drei Kilometer gehen dann zu schnell vorbei. Nach 223 km ist das kaum zu glauben, aber es ist so! Am Römer, auf Frankfurter Seite, darf man mit vier Kontrollbänder dann zum roten Teppich. Die letzten ca. 150 m gehe ich dann mit einer phänomenalen Erleichterung über die Ziellinie. Von Anstrengung in dem Moment keine Spur. Der einzige Gedanke in diesem Moment: "Du hast es geschafft. Du hast 226 km mit eigener Kraft zurückgelegt. Du hast dich der härtesten Herausforderung gestellt und hast es geschafft." Dieses Gefühl ist eigentlich nicht zu beschreiben. Das ist absoluter Wahnsinn.
30 Sekunden bis 1 Minute nach dem Zieldurchlauf kommt dann die totale Erschöpfung. Jetzt erst merkst Du, wie fertig Du eigentlich bist. Es ist wie, wenn einer einen Schalter umgelegt hat, quasi, das Licht ausgemacht hat. Der Akku ist leer, die Beine wollen nicht mehr stehen. Das wohlige Gefühl des Ironman Finishs lässt einen aber innerlich lächeln, "Du bist mit Dir im Reinen".
E.G.: Besten Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

30.07.2011 K. Scheer, E. Gröschl, Foto: K. Scheer

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