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Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren in Friedberg und Umgebung

Kleiner Rückblick auf die Geschehnisse, Teil 1

12.03.1945 Schwere Luftangriffe auf Friedberg
14.03.1945- Luftangriffe auf Gießen
19.03.1945 Schwere Luftangriffe auf Hanau. Die Altstadt wird komplett zerstört, lediglich 4 Häuser kommen mit reparierbaren Schäden davon. Es gab 2000 bis 2500 Tote
21.03.1945 Amerikanische Truppen erobern Saarbrücken, Kaiserslautern, Worms und Mainz
25.03.1945 Amerikanische Truppen nehmen Darmstadt ein
26.03.1945 Deutsche Wachmannschaften erschießen 87 Insassen des Arbeitserziehungslagers Hirzenhain
26.03.1945 Wehrmachtskommando sprengen die Frankfurter Mainbrücken
26.03.1945 Amerikanische Truppen besetzen Offenbach und Weilburg
27.03.1945 Wetzlar wird von amerikanischen Truppen eingenommen
28.03.1945 Amerikanische Truppen nehmen Gießen, Wiesbaden und Hanau ein
28.03.1945

Östlich und westlich von Friedberg waren bereits amerik. Panzerverbände vorbei gezogen. Am Morgen verschleuderten einige Geschäfte der Kreisstadt ihre Waren zu Spottpreisen. Schließlich lässt sich Geld leichter in Sicherheit bringen als sperrige Waren. Ein Überangebot an Gütern wurde angepriesen. Am Nachmittag gab es das Gerücht: Im Proviantamt, am südlichen Stadtrand, würden Lebensmittel aus Heeresbeständen an die Einwohner verteilt. Alles Eingelagerte könne abgeholt werden, denn am Abend solle das Magazin gesprengt werden. Ein einsehbarer Ablauf in Betracht der anstehenden Situation. Mit Leiterwagen, Handkarren und Fahrrad setzte eine regelrechte Völkerwanderung zum Proviantamt ein. Dort angekommen, musste man feststellen, das es sich hierbei nicht um eine Lebensmittelverteilung handelt, sondern um eine regelrechte Plünderung. Deutsche Soldaten waren vorne mit dabei. Bei diesem Anblick hat sich die Bevölkerung dann auch nicht mehr zurückgehalten. Polizeihauptmann Rust hat später berichtet: "Wir stellten fest, dass Bauern aus der Umgebung und auch Friedberger Einwohner die Lebensmittel mit vollgeladenen Pferdefuhrwerken und Lastwagen abfuhren. Dabei waren auch Personen, die Lebensmittelgeschäfte hatten".

Was war geschehen? Die Zahlmeister, die über die Lager gewacht haben, waren beim Auftauchen der amerikanischen Panzer am Oberwöllstädter Berg abgehauen.
Am Abend wurde Hauptmann Heinrich Wölk zum neuen Kampfkommandanten von Friedberg ernannt. Er nahm die Stelle des am Vortag an einem Nervenzusammenbruch abtransportierten Hauptmann Henrichs ein.

Zu später Stunde haben sich die meisten befehlshabenden Soldaten, mit ausreichend Proviant, in den Wäldern, westlich von Friedberg, in Sicherheit gebracht. Aber erst nach dem sie, die von oben bekommenen Befehle mit Nachdruck, wie z. B. "Die Stadt ist bis zur letzten Kugel zu verteidigen" an die noch verbliebenen Soldaten weiter gegeben hatten. Innerhalb der Stadt wurde ideologisch abgerüstet. Die Porträtbilder der Führungsgrößen wurden überall abgehängt. Das Buch "Mein Kampf" aus den Regalen entfernt und zusammen mit den Bildern verbrannt. Uniformen wurden zusammengerollt und im Haus oder Schuppen versteckt. Andere brachten ihre mittlerweile unliebsamen Sachen in die Lehmkaute. Dort wurden sie in die Gräben und Löcher geschmissen oder verscharrt. Es wurden eifrig die Spuren der nationalsozialistischen Gesinnung verwischt. Einige, an deren Einstellung zum noch bestehendem System nichts zu rütteln gab, wählten den Freitod. Andere wiederrum haben Feste gefeiert mit Fress- und Sauforgien. Größtenteils mit den am Nachmittag geplünderten Nahrungsmitteln und Alkohol. Frei nach dem Motto: "Was im Magen ist, kann uns keiner mehr nehmen". Des weiteren könnte dies womöglich das letzte Fest überhaupt oder für lange Zeit gewesen sein.

Jeder hatte Angst, jeder bewältigte die ungewisse Situation auf seine Weise. Keiner wusste, was die nächsten Stunden bringen werden.

   
  Fortsetzung folgt.

 

19.03.2015 E. Gröschl
Quelle: Machtzerfall - Die letzten Tage des Dritten Reiches, H. Münkler

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