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Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren in Friedberg und Umgebung

Kleiner Rückblick auf die Geschehnisse, letzter Teil

29.03.1945

Luftaufnahme Friedberg HessenIm Morgengrauen setzte sich der amerikanische Panzerverband, vom Oberwöllstädter Berg, in Richtung Friedberg, in Bewegung. Der Rest der deutschen, befehlsgetreuen Soldaten, verschanzt hinter dem Bahndamm der Eisenbahnstrecke Friedberg / Friedrichsdorf, eröffneten mit 2 Vierlings-flugabwehrkanonen das Feuer. Die 500 Schuss je Flak waren schnell und ohne Wirkung verschossen. Aus lauter Verzweiflung und Getreu dem Befehl "Kämpfend bis zur letzten Patrone" feuerte man überhastet die letzten Panzerfäuste noch ab. Obwohl der Abstand zu den nahenden Panzern noch viel zu groß war. Keine einzige Panzerfaust traf ihr Ziel. Vermutlich hatte man, auf Grund der Übermacht, gar nicht die Absicht den Kampf gegen die 6. Panzerdivision aufzunehmen. Kurze Zeit nach dem letzten Schuss kamen die deutschen Soldaten mit erhobenen Händen hervor und ergaben sich. Um nicht bei der Fahrt über den Bahndamm sich als Ziel anzubieten, lenkten die Panzer nach Osten ein. Im Görbelheimer Grund wurde eine schmale Wegunterführung gequert, ca. 50m weiter bogen die Panzer in Richtung Norden ab und fuhren die Kreisstraße, an der Görbelheimer Mühle vorbei, nach Fauerbach. Am südöstlichen Rande des Friedberger Stadtteils stießen die Amerikaner auf den verbliebenen Rest vom Infanteriezug von Leutnant Hammann. Auf Grund der heran rollenden Übermacht kam es gar nicht mehr zu Kampfhandlungen. Die unerfahrenen und unzulänglich bewaffneten deutschen Soldaten ergaben sich , wurden sofort entwaffnet und mussten hintereinander, mit erhobenen Armen im Straßengraben in Richtung Bruchenbrücken gehen.

Kurze Zeit später, an einer Fauerbacher Straßenecke, trafen 3 Männer aufeinander, die das Schicksal der Stadt Friedberg an diesem Tag beeinflussen sollten. Der eine war Oberleutnant R. Tichy aus New York, der andere Major Smith, 25 Jahre alt, aus Ada, Oklahoma und der deutsche Kriegsgefangene Leutnant Hammann. Tichy fragte Hammann auf Deutsch:" Ob er wisse, wo der Friedberger Kampfkommandant sich befinde?" Dieser antwortete: „Ja", und weiter in einem Nachsatz, "Ich bin auch bereit, sie dort hinzuführen." Normalerweise durften Gefangene keine Aussage machen, aber angesichts der amerikanischen Überlegenheit und um weiteres unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, hatte er so gehandelt. Mit diesem Angebot leitete Hammann letztendlich die kampflose Übergabe von Friedberg ein. Wäre er danach wieder in deutsche Hände geraten, hätte man ihn als Verräter erschossen. Die beiden Amerikaner forderten Leutnant Hammann auf sich eine weiße Fahne von einer Fauerbacher Häuserfront zu nehmen, sich auf die Kühlerhaube des Jeeps zu setzen und sie zum Gefechtsstand des Kampfkommandanten zu führen. Es ging durch das stark zerstörte Fauerbach. Bei der gesicherten Straßenunterführung der südlichen Eisenbahnstrecken hielt der Jeep an, Hammann stieg ab und ging durch den etwa 200 m langen dunklen Tunnel. Auf der gegenüberliegenden Seite, rechts und links der breiten Treppenanlage am Hang waren die Verteidigungsstellen eingegraben. Hammann rief den Unteroffizier zu sich, befehligte ihm seine Gruppe antreten zu lassen, die Waffen seitlich abzustellen und sich in amerikanische Gefangenschaft zu begeben. Erleichtert, befolgten sie ohne Widerspruch diesen Befehl und marschierten in Richtung Fauerbach weg. Nach einiger Zeit passierte der Jeep den Tunnel und Hammann nahm auf der Kühlerhaube wieder Platz. Mit der weißen Fahne in der Hand ging es am stark zerstörten Bahnhof vorbei in Richtung Kaiserstraße. Die Kaiserstraße war so gut wie leer, einige Soldaten standen herum und blickten erstaunt dem amerikanischen Jeep hinterher. Jedoch keiner versuchte den Jeep aufzuhalten. selbst ein Oberleutnant auf der Höhe der Mohrenapotheke machte keinerlei anstalten. Friedberger die dies aus sicherer Entfernung sahen, waren anscheinend der Auffassung die Übergabe sei bereits vollzogen. In der Burg angekommen, dachten die Deutschen es wären amerikanische Parlamentäre. Erst beim näher kommen sahen sie, dass die Amerikaner bewaffnet waren. Der Unteroffizier Finkeldey eilte davon, um den Friedberger Kampfkommandanten aus seinem Gefechtsstand zu holen.

Langsam versammelte sich eine kleine Gruppe von Friedberger Bürgern an der Toreinfahrt zur Burg. Sie beobachteten angespannt die Offiziere. Schließlich wurde hier über Ihre eigene und die Zukunft von Friedberg entschieden. Finkelday kam zurück und meldete Hammann, die Amerikaner sollen zum Stadtkommandanten kommen. Die lehnten jedoch ab und stellten klar der Hauptmann solle in den Hof kommen. Für die Amerikaner war diese Antwort schon eine Machtfrage, schließlich waren sie am längeren Hebel.

Ein weiteres Mal eilte Unteroffizier Finkeldey zum Gefechtsstand. Wölk kam in den Burghof, ging auf die beiden Amerikaner zu und fragte auf Deutsch Oberleutnant Tichy: „Sind sie der Kommandant"? Daraufhin stellte Wölk sich vor.

Der amerikanische Major erklärte auf Englisch: "Die Stadt sei von Panzern umstellt. Ein Fliegerkampfverband mit 200 Flugzeugen stehe bereit, die Stadt anzugreifen und zu vernichten, wenn Widerstand geleistet werde." Aus diesem Grund fordert er den Friedberger Kommandanten auf, die Stadt kampflos zu übergeben. Wölk werden in den paar Sekunden bis zu seiner Antwort die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf geschossen sein. Gedanken um die Stadt die in seiner Obhut liegt, die amerikanischen Panzerverbänden rund um, von desertierten deutschen Soldaten, vom Zusammenbruch der Verteidigungslinien und von amerikanischen Aufklärern am Himmel über Friedberg. Nach kurzer Pause sagte er zu Oberleutnant Tichy:" Ich lege das Schicksal dieser Stadt in die Hände ihres Kommandeurs." Tichy übersetzte und Major Smith antwortete:" Thank you." Genau zur Antwort von Smith schlug die Turmuhr der Burgkirche halb neun. Im " Metzgerschen Haus" wurden anschließend die Einzelheiten der Übergabe besprochen und niedergeschrieben.

Durch das leichtsinnige, unüberlegte Handeln zweier amerikanischer Soldaten blieb Friedberg eine totale Zerstörung mit unzähligen Toten erspart.

07.05.2015 E. Gröschl
Quelle: Machtzerfall - Die letzten Tage des Dritten Reiches, H. Münkler

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